Olsberger Ansichten  

   

Innehalten

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Meditation zum Sonntagsevangelium

Dann werden ihm die Gerechten antworten: Herr, wann haben wir dich hungrigbuch.jpg gesehen und dir zu essen gegeben, oder durstig und dir zu trinken gegeben? Und wann haben wir dich fremd und obdachlos gesehen und aufgenommen, oder nackt und dir Kleidung gegeben? Und wann haben wir dich krank oder im Gefängnis gesehen und sind zu dir gekommen? Darauf wird der König ihnen antworten: Amen, ich sage euch: Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.

Mt 25,37-40

 

Ich spende regelmäßig für die Caritas und für die Diakonie, unterstütze unsere kirchliche Nachbarschaftshilfe, kaufe in Dritte-Welt-Läden und … und ...  und … Was diesen Teil des Evangeliums anbelangt, liege ich doch eigentlich schon ganz gut im Rennen um den Platz "auf der rechten Seite".

Oder etwa nicht? Sicher wird unzähliges Leid weltweit, wenn schon nicht beseitigt, so doch bekämpft und gelindert durch die vielen kirchlichen Wohltätigkeitsorganisationen, und es ist sehr wichtig, dass wir diese Organisationen und damit das "Liebestun der Kirche" (Benedikt XVI., Gott ist die Liebe, Teil 2) je nach Kräften und Möglichkeiten unterstützen.

Dennoch – dies ist nur eine Ebene der Solidarisierung mit den Hungrigen, Kranken und Obdachlosen. Und ich denke, was Jesus uns in diesem Evangeliumstext vermitteln will, zielt noch auf eine ganz andere, sehr viel persönlichere, existenziellere Ebene. Es geht nicht nur um materielle Gaben, sondern darum, dass wir uns selbst einbringen, uns selbst schenken. Und damit tue ich mir bisweilen sehr schwer.

Kennen Sie diese und ähnliche Situationen auch? Ich laufe in einer Einkaufsstraße, am Straßenrand sitzt ein Mensch, gezeichnet von einem Leben, dass ich mir nicht wirklich vorstellen kann, und ich werfe ganz schnell ein bisschen Geld in seinen Hut, vermeide jeden Blickkontakt und gehe rasch weiter. Oft bete ich dann für ihn. Aber mit einem mulmigen Gefühl im Bauch. Denn wenn ich ehrlich bin, dann muss ich sagen, dass ich mich für dieses Handeln schäme. Ich sehe das Elend dieses Menschen, und ja, eigentlich möchte ich wissen, wer er ist, weshalb er hier sitzt, und ob ich ihm mit einem heißen Kaffee und einem Gespräch eine Freude machen könnte. Aber ich schaffe es nicht, diese Brücke zu schlagen. Ich bin viel zu spät dran, in Heidelberg gibt es ohnehin zu viele professionelle Bettler – an Ausreden mangelt es mir selten.

Oder ich sitze im Wartebereich in einer Klinik. Ein Bett mit einer schwerkranken Frau wird heran geschoben und abgestellt. Der Pfleger muss gleich weiter, der nächste Patient wartet. Die Frau krümmt sich vor Schmerzen und Angst und stöhnt fast rhythmisch "helft mir doch, helft mir doch!" Was hindert mich daran, zu der Frau hinzugehen, ihr meine Hand hin zu halten und ihr zu sagen "Ich weiß, nicht, wie ich Ihnen helfen kann, aber wollen Sie, dass ich einfach hier bei Ihnen sitze?" Ist es die Scheu, barsch zurückgewiesen zu werden, wie dies einmal der Fall war? Weshalb wäre das eigentlich so schlimm?

Jesus hat es uns vorgelebt: Er ist mit wachen Augen und sehendem Herzen durch die Welt gegangen, hat die Menschen wahrgenommen und angenommen, er ist auf sie zugegangen und hat ganz selbstverständlich im wahrsten Sinn des Wortes zugepackt. Und er identifiziert sich so sehr mit den Leidenden, dass er uns in unserem Gleichnis sagt: "Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan". Er lädt uns täglich neu ein, sein Angesicht im Angesicht der Menschen zu suchen, die uns begegnen, und sein Wirken hier und jetzt fortzusetzen, und unsererseits zu versuchen, anderen Menschen, vor allem den Kranken, Hungrigen, Nackten und Notleidenden, das barmherzige Antlitz Gottes aufscheinen zu lassen.

Einen Menschen in seinem Elend, in seinem Schmerz, in seinen Ängsten anzunehmen, ihm ganz nah zu kommen, innerlich und auch körperlich, kostet Überwindung und Selbstvergessen, aber es kann dem anderen sehr, sehr viel bedeuten. Und wo uns diese selbstlose Hingabe und Annahme gelingt, da sind auch wir die Beschenkten, weil wir für einen Augenblick spüren, wie wahr es ist, wenn Jesus immer wieder sagt: "Das Reich Gottes ist schon mitten unter euch".

Erzbistum Freiburg