"Normalität der Verschiedenheit":

Menschen mit Behinderung chancengleich am Arbeitsmarkt?

Thema bei "Meeting Mittelstand" im Josefsheim meetjosefsheim1.jpg

"Wir gewinnen unsere Motivation auch aus dem Wert unserer Arbeit - das sollte für Menschen mit und ohne Behinderung gleichfalls möglich sein!" So brachte Ralf Kersting, Geschäftsführender Gesellschafter der Fa. Olsberg, auf den Punkt, was nicht erst seit gestern im gesellschaftlichen Diskurs steht.

Der viel zitierte demographische Wandel wird gerade im ländlich geprägten Hochsauerland langfristig dazu führen, dass Betrieben immer weniger qualifizierte Mitarbeiter zur Verfügung stehen werden. "Der HSK schrumpft", formulierte es Peter Kaufmann vom BVMW Kreisverband HSK, der zum Meeting Mittelstand ins Josefsheim nach Bigge eingeladen hatte.

Die mittelständische Unternehmerschaft, die in Deutschland fast 95% des gesamten Unternehmertums ausmache, müsse ihre Stärken erkennen, lauter werden und sich auch für andere Themen öffnen. Dazu gehöre eindeutig die Integration von Mitarbeitern mit einem Handicap. Integration wird in Olsberg und Bigge bereits tagtäglich gelebt, gehören die Bewohner des Josefsheims doch seit Jahr und Tag zum Stadtbild und zur Gemeinde, wie Karl Metten, Vertreter des Bürgermeisters der Stadt, erklärte. Das Josefsheim, der Josefsgesellschaft in Köln angehörig und deren älteste sowie ursprüngliche Einrichtung (seit 1904), ist mit rd. 700 Mitarbeitern der größte Arbeitgeber im Stadtgebiet. Die Einbindung von Menschen mit Behinderung in den Arbeitsmarkt wird hier seit einiger Zeit aktiv betrieben.

Vorbildlich nannte auch MdL Hubert Kleff das Josefsheim als Integrationsfirma bzw. die besondere Kooperation mit der Firma Olsberg. Als Mitglied des Ausschusses Arbeit, Gesundheit und Soziales gelte sein besonderes Interesse den durch "Krankheit und Behinderung benachteiligten Menschen". Auch politisch sei der "Mensch mit Behinderung in Arbeit" gewollt, wobei man sich nicht völlig von Werkstätten verabschieden könne. Das Programm der Landesregierung beruhe nicht auf einem behütenden Ansatz. Vielmehr sollten Menschen mit Behinderung beim Übergang in den ersten Arbeitsmarkt unterstützt und zusätzliche Arbeitsplätze geschaffen werden. Die Landesregierung stelle dafür - und für gute Ausbildungsmöglichkeiten - viel Geld zur Verfügung. "Viel wichtiger ist aber die Unterstützung durch die Wirtschaft", so Kleff. Bis 2010 stellt das Land NRW zusätzlich 10 Mio. € zur Verdoppelung der Arbeitsplätze in diesen Unternehmen zur Verfügung.

Als Chef des Familienunternehmens Firma Olsberg Hermann Everken GmbH kann Ralf Kersting nicht nur ein traditionsreiches 430 Jahre altes Unternehmen präsentieren, sondern auch auf eine gewisse Tradition in Sachen Integration zurückblicken. Bereits 1969 begründete sein Vater Edward Kersting die Kooperation mit dem Josefsheim, indem er Schalttafeln für Speicherheizgeräte in den Bigger Werkstätten montieren ließ. Seit April 2006 nun beschäftigt die Firma Olsberg in den Bereichen Lackieranlage, Blechwerk, Montage und Versand Mitarbeiter mit Behinderung aus dem Josefsheim. Ralf Kersting betont den "Win-Win-Effekt", der absolute Voraussetzung für sein Unternehmen ist. Die Entscheidung dazu sei keine übertriebene Fürsorge oder unternehmerische Großherzigkeit. Für beide Seiten seien die Vorteile offensichtlich: hier größere Flexibilität, geringerer logistischer Aufwand und damit größere Wettbewerbsfähigkeit; dort stärkere Einbindung in den Arbeitsalltag nicht behinderter Menschen und höhere Identifikation mit dem Produkt. meetjosefsheim2.jpg

 

"Es war viel Arbeit im Detail nötig", gibt Kersting zu, doch auch die Bedenken bei Belegschaft und Betriebsrat habe man weitgehend zerstreuen können.

Mit etwas Mut und den richtigen Ansprechpartnern könnten sich auch andere Unternehmer in Richtung Integration bewegen, riet er.

Auch Klaus Bourdick, IHK Arnsberg, Hellweg-Sauerland, lobte das Projekt der Kooperationspartner. Das Josefsheim zeige damit einen deutlichen Schritt der Öffnung.

Hubert Vornholt, Geschäftsführer der Josefsheim gGmbH, zeigte auf, wie Integration - wie erfolgreich mit der Fa. Olsberg umgesetzt - mit den entsprechenden Rahmenbedingungen funktionieren kann. So gibt es z. B. mit dem Seniorenheim St. Engelbert des Caritasverbandes Brilon und der Gärtnerei Frigger in Bigge weitere Kooperationspartner, die Menschen mit Behinderung beschäftigen, wobei je nach Voraussetzung Arbeits- und Ausbildungsverhältnisse individuell zugeschnitten werden - und so auch erfolgreich sind. Ebenso wichtig seien Maßnahmen des betrieblichen Eingliederungsmanagements, um die Arbeitsfähigkeit am existierenden Arbeitsplatz zu erhalten und zu sichern.

"Die Systeme müssen zielgerichtet durchlässiger werden", forderte Vornholt und fügte Richtung Hubert Kleff hinzu: "Die Gesetzgebung muss hier einen richtigen Schlag ins Kontor setzen." Einen passenden Schlusspunkt setzte Rembert Busch, Leiter der Förderschule an der Ruhraue, der forderte, dass Integration von beiden Seiten erst gelernt werden müsse: "Erst qualifizieren und dann in den Arbeitsmarkt entlassen - nicht umgekehrt!"

 


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