200 Jahre Industrie- und Familiengeschichte

Brilon. Eigentlich war es Reinhold Humpert, der sich für alles, was mit Kirchenglocken zu tun hatte, interessierte. Aber offensichtlich gelang es ihm, seinen Bruder Winfried mit dem „Virus“ zu infizieren. „Von meinem Bruder habe ich viel über die Glockengießerei erfahren“, erklärt dieser. Beide sind Nachfahren einer alten Briloner Glockengießer-Familie. Am Ende der Geschichte steht ein 255 Seiten dickes und reichhaltig illustriertes Buch: „Glocken aus Brilon“, welches nun öffentlich vorgestellt wurde.
„Die Idee zu einem Buch über Glocken kam mir bei einem Besuch des Glockenmuseums in Apolda“, erzählte der emeritierte Psychologie-Professor und gebürtige Briloner Dr. Winfried Humpert, der den Anstoß zu dem Buch gab. In seiner jetzigen Heimat Konstanz stieß er damit aber auf wenig Interesse. Bei Winfried Dickel, Vorsitzender des Briloner Heimatbundes – Semper Idem, fand er hingegen offene Ohren. Bei einem Besuch im Haus Hövener zeigte er Dickel seine Aufzeichnungen, woraufhin dieser spontan sagte: „Das machen wir.“ Geplant waren zunächst 150 Seiten, die Abbildungen in schwarz-weiß. Dann wurden es vier farbige Seiten, dann acht – schließlich ist nun fast alles bunt, sehr zu Freude Humperts. 
Humpert hat die kultur- und sozialgeschichtlichen Beiträge des Buches verfasst, von der Rolle der Glocken im Lauf der Geschichte, Bräuchen und Legenden, zum Transport von Glocken, bis hin zur Bedeutung von Glocken heute. Schließlich werden die Briloner Glockengießerfamilien des 18./19. Jahrhunderts vorgestellt. Unterstützt wurde er dabei von Gunter Kotthoff. Dieser, viele Jahre beruflich als Vermesser tätig, sprach von einer „Aneinanderreihung von vielen Zufällen: „Eigentlich hatte ich mit Glocken nichts am Hut, ich bin da so reingeschlittert.“ So übernahm er zunächst „Zubringerdienste“ für Reinhold Humpert. Als äußerst nützlich für das Buchprojekt erwiesen sich seine Kenntnisse in der grafischen Datenverarbeitung. Zuletzt, so erzählte er, habe er überall nur noch Glocken gesehen, bis seiner Frau der Kragen geplatzt sei: „Jetzt ist aber gut, jetzt lass mal die Glocken in Brilon“, soll sie gesagt haben. 
"Dieses Buch kann sich sehen lassen"
Am Ende des ersten Abschnitts folgt ein Aufsatz von Heinz-Walter Schmitz zur Glockengießerschule in Brilon. Er war über viele Jahre Glockensachverständiger für das Bistum Passau. Im zweiten Teil des Buches kommen weitere „Männer vom Fach“ zu Wort und beleuchten das Thema mehr aus der handwerklich-technischen Perspektive: Die Theologen Theo Halekotte und Dr. Gerhard Best sind seit 1977 ehrenamtliche Glockensachverständige und seit 1990 nebenberuflich beauftragt für das Glockenwesen im Erzbistum Paderborn. Dr. Claus Peter ist seit 1975 mit der Inventarisierung des Glockenbestandes beschäftigt. 
Doch damit erschöpft sich die an der Publikation geleistete Arbeit noch nicht: Es gibt einen umfangreichen, 160-seitigen Anhang, der über die Homepage des Museums www.haus-hoevener.de geöffnet und als PDF auch heruntergeladen werden kann. Dieser enthält zudem Klangproben von Briloner Glocken des Campanologen Andreas Greubel, der deutschlandweit und auch darüber hinaus Tonaufnahmen von Glockengeläut erstellt. „Das Schöne ist, es ist ständig erweiterbar“, erklärte Museumsmitarbeiter Carsten Schlömer die Vorteile des digitalen Zugangs. Als „work in progress“ möchte auch Humpert das Buch eher verstanden wissen, denn Vieles sei noch nicht erschöpfend beantwortet. Er appellierte an die Mitglieder des Heimatbundes, an dem Thema weiterzuarbeiten – und „träumt“ unterdes von einem eigenen Glockenmuseum im Brilon. 
„Dieses Buch kann sich sehen lassen“, sagte Dickel abschließend. Erschienen ist die Publikation als siebter Band in der Reihe Vergangene Zeiten - Geschichte aus Brilon, Herausgegeben durch den Briloner Heimatbund - Semper Idem. Hergestellt wurde sie von Satz und Druck Kemmerling in Brilon. „Dank der 65-prozentigen Förderung durch Leader können wir sie an alle Mitglieder des Briloner Heimatbunds kostenlos abgeben“, freute sich Dickel. Wer sich nicht bei der Buchvorstellung nach der Mitgliederversammlung gleich selbst ein Exemplar mitgenommen hat, kann sich seines im Museum Haus Hövener abholen. Alle anderen geschichtlich Interessierten können die Publikation zum Preis von 10 Euro erwerben.

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Ein umfangreiches Werk zu Glocken in Brilon hat der Heimatbund herausgegeben (v.l.): Franz-Josef und Günter Kemmerling, Winfried Dickel (Heimatbund), Pfarrer Rainer Müller, die Ko-Autoren Theo Halekotte und Gunter Kotthoff, Autor Prof. Dr. Winfried Humpert und Ludger Böddecker (stellvertretender Bürgermeister).
Foto: Kristin Sens

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